Liebe


Liebe

Liebe. Diese geheimnißvolle Himmelspflanze wurzelt im Jenseits, ihr unzerstörbarer Keim ruht in Gott. Einst waren alle Seelen eine. Da ward die Körperwelt und der Menschengeist begann, unendlich zertheilt, seine Wanderung. Seine Bestimmung ist. wieder zurück zu fließen in die Gottheit, von der er ausgegangen, in sie wieder heimzukehren, wie der Strahl der Sonne am Abende seine Millionen Meilen wieder zurückbebt. Und auf dieser Wanderung finden sich die, durch verschiedenartige Materie modificirten, Seelen und die gleichartigen verbinden sich und gehen, so vereinigt, den weiten Weg der Ewigkeit. Das ist die Liebe. Und wie finden und verbinden sich die Seelen? Eben so geheimnißvoll. Zwei Thautropfen am Morgen, der eine der Luft entsunken, der andere der Erde entstiegen, fließen an einer Rose in einander, angezogen durch jene süße geistige Kraft, die den Wurm zum Wurm, das Eisen zum Magnete, das Herz zum Herzen zieht, den Mond um die Erde, diese um die Sonne, endlich alle Sonnensysteme in ewiger Kreisbewegung um den Ewigen führt. Zwei Menschen begegnen sich, ihre Blicke treffen sich, ihre Seelen verschmelzen sich, ihr Leben wird eins; fragen sie nach, wie sie sich gefunden, wie sie sich vereint, sie ergründen es nie; sie sind die Thautropfen, die, wenn sie sich berühren, eins werden müssen, und die Rose, in deren Kelch sie sich vereinigen, ist das Herz. Die Zeit der Liebe zerfällt in die nämlichen drei Hauptperioden, in welche man den Prozeß des Magnetismus theilt: in die magnetische Berührung, in den Somnambulismus und in die Clairvoyance. Das Auge des Liebenden trifft das Auge und sein Lid senkt sich. Da ist man sich seines Zustandes unbewußt und man fühlt nichts, als die Abhängigkeit von dem, der uns darin versetzt. Gleitet von den Lippen der erste. Hauch der Liebe, so beginnt der Schlummernde zu träumen. Er sieht nur des Geliebten Bild, wird in Rapport mit ihm enger und enger gebracht und spricht sich in räthselhaften, fantastischen Reden aus über sein Leiden im Herzen, über seine Hoffnung zu genesen und über Alles, was er gefragt wird von seinem Arzte, mit dem er glücklich ist und unglücklich, ja nach dem Seelenzustande des Magnetiseurs. Er ist somnambül. Hierauf geht er über in den vollkommnen Zustand des Hellsehens. Des Geliebten Wesenheit durchschaut er nun ganz, und seine Bekenntnisse in diesen hellen Momenten Und entweder Seufzer der Reue oder Frohlocken über seine Wahl.

B– l.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.