Theben


Theben

Theben, wegen ihrer 100 Thore auch Hekatompylos genannt, die ehemalige Hauptstadt von Oberägypten, nach ihr Thebais genannt, jetzt ein noch in seiner Zerstörung gewaltig imronirender Ruinenkoloß am rechten Ufer des Nil bei den beiden Dörfern Luxor und Karnak. Wie eine erstarrte Königin liegt Altägyptens gepriesenste Stadt ausgestreckt am heiligen Strome. Da regt sich kein Blut mehr in den steinernen Adern; verstummt ist der Mund, der die Gebete des Isis und Osiris lispelte; erbleicht sind die Lippen für immer, seit ihnen (82 v. Chr.) Aegyptens König, Ptolemäus Lathurus, den schrecklichen Kuß aufdrückte, mit dem er sie verlobte der alten Titanenmutter Zerstörung; und die Hyänenpflanzen der Gräber, Epheu und Schlingkraut, überschlingen mit ihren Polypenarmen die erstorbenen Glieder. Aber noch ruht auf ihrem Haupte die Krone von Tempelsäulen, das gebrochene Diadem, welches doch ganz ihre ehemalige Herrlichkeit verkündet; noch schmückt sie der köstliche Gürtel harmonischer Marmorhallen, und laut predigt es jede Ruine, ernst und majestätisch ruft es aus den versunkenen Gewölben, still und heilig mahnt es der Obelisk von Luxor, der verwaiste Hünenwächter an Thebens Grabe, seit sein einziger, noch lebender Bruder gefesselt in die stolze Seinestadt geführt wurde: »Wanderer, stehe still; hier ruht eine Königsleiche!« Und die Westwinde murmeln ihre Todtengebete; der heilige Schauer der Zermalmung, daß Alles vergehen müsse, durchrieselt des Wallers Gebein; und ein Zittern durchwallt bis in den innersten Grund den einsamen Obelisk an der Seine; wehmüthig blickt er herab wie ein Weiser von Sais aus seiner altergrauen Traumwelt auf die Kinderpaläste und Kinderträume Lutetia's, und spricht: »Ja eine Königsleiche, und ich bin der eine Arm, der noch einmal begraben wurde!« – Unter den zahllosen Ruinen, welche die ganze Gegend noch bedecken, zeichnen sich die Ueberreste eines Tempels aus, mit 8 großen Zugängen, reichverzierten, kolossalen Thoren, prächtigen Säulenhallen und Zimmern; ferner die 61 F. hohe Memnonssäule (s. d.), das Grabmal des Osymandias, eine 6000 F. lange und 3000 F. breite Rennbahn, jetzt ein Ackerfeld, die wunderbaren Königsgräber und unzähligen, mit Statuen und Malereien geschmückten, Gänge und Zimmer, die sich, zuweilen in einer Höhe von 300 F., zwei Stunden weit durch die Libysche Bergkette ziehen. – Theben, jetzt der elende Ort Thiwa, die alte Hauptstadt der Landschaft Boötien und eine der berühmtesten Städte Griechenlands, wo Pindar, Epaminondas, Pelopidas und die Korinna geboren wurden. Kadmos gründete hier (1500 v. Chr.) die Burg, Amphion später die siebenthörige Stadt, die in ihrer höchsten Blüthe viele prächtige Tempel, öffentliche Gebäude und Bildsäulen besaß, umkränzt von einer lieblichen, durch Gärten und Wiesen verschönerten, Landschaft mit der berühmten Quelle Oedipodia, worin sich Oedipus von seinem Vatermorde reinigte. Allein, von Alexander dem Großen zerstört, sank sie unter den Römern vollends zu einem elenden Flecken herab, und alle Spuren ihrer ehemaligen Größe sind verschwunden. – Zu den schönsten Griechinnen wurden die blonden und zierlich gekleideten Thebanerinnen gezählt, denn lieblich in Bewegung und Rede, anmuthig im Umgang, wußten sie leicht zu fesseln und lang in Fesseln zu halten.

B.


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