Jungfrau

Jungfrau

Jungfrau. Aus dem heitern Kreise der Gespielinnen scheidet das Mädchen, hinter ihr liegen die Freuden der Kindheit, eine unbestimmte Sehnsucht regt sich in ihrer Brust, ihr Anzug wird sorgfältiger, sie sucht sich zu schmücken, sie wünscht beachtet, ausgezeichnet, vorgezogen zu werden. Sie steht an dem Vorabend eines neuen Lebens; das seynende Auge blickt in die Welt; sie will gefallen als Jungfrau, denn die Ahnung ihrer Bestimmung ist in ihr erwacht. Eine Zukunft voll Rosen dämmert ihr entgegen, jede Stunde ist blumenbekränzt, jeder Morgen leuchtet im goldenen Scheine, Alles ist Glanz und Melodie! Es ist dieses Lebensstadium der Uebergang aus der Traumwelt in das praktische Leben mit seinen Sorgen und Beschwerden; die seligste Zeit der irdischen Dauer: voll Hoffnungen und Gewährungen, voll Ueberraschung und freudiger Aussicht. Noch sind der Jungfrau die Stürme und Bedrängnisse des Lebensernstes fremd, noch sieht sie ihre Zukunft wie eine zauberische, von guten Geistern gebaute Goldgrotte an; sie ahnt nicht, daß es Stunden geben wird, wo sie an das Krankenbett des Gatten, an die Wiege des sterbenden Kindes gefesselt sein, wo sie Nächte in Thränen, Tage der Entbehrung, Monden des Grames durchleben wird Schöne, glückliche Zeit! Im Rausche erworben und tausendfach zurückersehnt! O wenn sie ewig blühend bliebe, diese holde Zeit; das Dasein wäre ein dauernder Frühling, ein Schmetterlingsleben voll ewig duftender Blumen ohne Sonnenuntergänge und Nächte, ohne Reue und ohne den Schmerz über ein versunkenes Glück! – Die Stellung der Jungfrau zur Welt ist natürlich eine andere als die des Mädchens, das noch für ein Kind gehalten wird. Sie tritt plötzlich aus der Kinderstube in die geselligen Kreise des öffentlichen Lebens, Worte und Geberden sind einem freieren Urtheil ausgesetzt; sie lernt ihr Betragen regeln. An dem schon vollendeten Bilde der Weiblichkeit bildet sie sich heran; im eigenen Spiegel lernt sie sich selbst erkennen. Die Welt macht von nun an Ansprüche an sie; man verlangt Zierlichkeit des Benehmens, Liebenswürdigkeit, Grazie, aber Alles innerhalb der Grenzen der Jungfräulichkeit. Sie soll sich nicht blöde wie ein Kind, und doch auch nicht mit der Zuversicht einer Frau benehmen. Es ist ein provisorischer Zustand, dessen schönster Reiz aber in dem zarten Blüthenstaube besteht, welcher ihn bedeckt. Jede unzarte Hand streift ja den Farbenschmelz von den Flügeln des Papilloten und noch leichter verweht der Duft zarter Jungfräulichkeit. Die Unschuld, die das Bewußtsein ihrer Geltung hat, ist noch faktisch eine, aber in der Idee ist sie es nicht mehr. Sie kennt die Schuld, und mit dieser Kenntniß weicht auch die Unbefangenheit. Die Form bleibt, aber der Blüthenstaub ist verflogen. Der Mann, der einst im Tempel betete: »Herr, ich danke dir, daß ich nicht so böse bin, wie jener Samaritaner,« war höchst wahrscheinlich ein redlicher Mensch, er war aber nicht tugendhaft. Tugend ist nicht nur Selbsterkenntniß, sondern auch Mangel an Selbstschätzung. Sie ist zugleich Demuth und Bescheidenheit. Mag auch das Leben der Jungfrau mitten unter Gesang und Spiel, Tanz und Fröhlichkeit, Huldigung und Genuß dahin flattern, es ist doch voll tiefer, ernster Bedeutung; es deutet nach der Zukunft. Der Jungfrauenstand ist nur die Vorschule des Ehestandes; in ihm entwickeln sich die Keime, welche sich bei der Gattin und Mutter zu charakteristischen Eigenheiten ausbilden. Was dort Gefühle waren, werden hier Handlungen; dort ist Traum, hier Wirklichkeit; was dort Poesie, Lyrik im schönsten Sinne war, wird hier Prosa, eine Prosa aber voll erhabener, ernster Bedeutung. Die züchtigsten, bescheidensten, fleißigsten und anspruchlosesten Jungfrauen werden in der Regel auch die besten Gattinnen und Mütter. Die Ahnung ihres Berufes erlaubt es ihnen nicht, über die Grenzen der Weiblichkeit hinauszuschwärmen; sie fühlen es, daß das Leben, zwischen Wiege und Sarg gestellt, in Mühe und Belohnung getheilt, nicht »ein Tanz« sein kann. Das Leben hat heitre Seiten und düstere. Der Schatten ist die Folie des Lichtes. Wer den Tag liebt und anstaunt, rüstet sich auch auf die Nacht. Das Auge, welches im Glanze geschwelgt, muß sich auch an die Finsterniß gewöhnen. Störe Niemand durch trübe Bilder die frohen Stunden der glücklichen Jugend; aber mahnet sie mit sanften Worten, daß, wie alles Leben, auch die Jugend vergänglich ist, daß jeder wechselnde Lebensabschnitt andere Kräfte, andere Richtungen erfordert, daß nach jedem schönen Traume ein Erwachen in der Wirklichkeit folgt, und daß wir nicht allein geschaffen sind für das Vorhandene, sondern auch für das Werdende zugleich, nicht allein, um zu genießen, sondern auch, um zu schaffen, um zu erringen! Wer am Lebensende als müder Pilger den Stab senkt, muß sich gestehen können, daß er nicht nur paradiesische Landschaften, sondern auch Abgründe, rauhe Bergschluchten, Thäler und Gletscher durchwandelt hat; sonst war sein Leben keine Pilgerfahrt, sondern ein Spaziergang.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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